Wasserstoff-Rollout: Jetzt!

Erneuerbarer Wasserstoff gilt durch seine vielfältigen Einsatzgebiete in Mobilität, Industrie und Energiespeicherung als Schlüsselelement der Energiewende. Der Aufbau von erneuerbaren Wasserstoffkapazitäten ist nicht nur in Hinblick auf den zunehmenden Anteil volatiler Stromerzeugung mit dem Ziel 100% erneuerbarer Strom bis 2030 von Bedeutung. Der Energieträger soll auch einen Beitrag zum Ziel, bis 2030 5 TWh Grünes Gas einzuspeisen, leisten. Aus diesem Grund forscht Wien Energie aktuell an verschiedenen Herstellungsverfahren und Anwendungen.

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Hintergrundinformationen

Erneuerbarer Wasserstoff gilt als Allrounder der Energiewende. Welche Sektoren lassen sich mit Hilfe von erneuerbarem Wasserstoff dekarbonisieren? Und wie kann der Energieträger für Balance im Strom- und Gasnetz sorgen?

Erneuerbarer Wasserstoff kann schon jetzt in Industrie und Mobilität direkt eingesetzt werden und somit zur Dekarbonisierung dieser Sektoren beitragen. Aufgrund seiner chemischen Eigenschaften kann er künftig aber auch als Energiespeicher zum Einsatz kommen. So kommt ihm durch die steigende volatile erneuerbare Stromproduktion eine bedeutende Rolle bei der Erreichung der Klimaziele zu. Denn langfristig soll die saisonale Ökostromüberproduktion in erneuerbaren Wasserstoff umgewandelt und in geeigneten Gasspeichern nach Bedarf eingelagert und entnommen werden. Aufgrund der vielen Einsatzgebiete gilt erneuerbarer Wasserstoff als Schlüsselelement bzw. Allrounder der Energiewende.

Klimaneutralität in Österreich bis 2040 bedeutet, dass bis dahin der gesamte heimische Gasverbrauch bilanziell CO2-neutral muss. Bis 2030 sollen 5 TWh Grünes Gas (u.a. Wasserstoff) in das Gasnetz eingespeist werden. Dazu soll eine heimische Wasserstoffwirtschaft entlang der gesamten Wertschöpfungskette aufgebaut werden. Angedacht wird, in den nächsten Jahren 1-2 GW installierte Elektrolyseleistung in Österreich aufzubauen. Bis 2025 sollen mindestens 200 MW errichtet sein.

Bis Ende 2020 soll eine „Österreichische Wasserstoffstrategie“ vorgelegt werden, die die bislang fehlenden rechtlichen Rahmenbedingungen liefern soll. Fördermaßnahmen werden im Rahmen des Erneuerbaren Ausbau Gesetzes (EAG) gesetzt, welches im Herbst 2020 in Begutachtung geschickt werden soll.

In der EU-Wasserstoffstrategie ist das Ziel verankert, bis 2024 eine Million Tonnen erneuerbaren Wasserstoff mit sechs GW Elektrolyseleistung zu produzieren. Bis 2030 soll erneuerbarer Wasserstoff fester Bestandteil eines integrierten Energiesystems sein. Dann sollen zehn Millionen Tonnen erneuerbarer Wasserstoff (mit mindestens 40 GW installierter Elektrolyseleistung) produziert werden. Ab 2030 sollen Technologien basierend auf „sauberem“ Wasserstoff Marktreife besitzen und weitläufig eingesetzt werden, um jene Sektoren zu dekarbonisieren, bei denen ein enormer Aufwand notwendig ist. Die erneuerbare Stromerzeugung muss bis dahin massiv ausgeweitet sein. Ein Viertel der erneuerbaren Erzeugungskapazitäten soll 2050 für die Produktion von erneuerbarem Wasserstoff verwendet werden.

Aufgrund der hohen Herstellungskosten sollte erneuerbarer Wasserstoff nur dort zum Einsatz kommt, wo es sinnvoll ist. Im Sinne der Systemstabilität sollte daher bestimmten Anwendungsfeldern eine verstärkte Elektrifizierung (wie z.B. im motorisierten Individualverkehr) dem direkten Einsatz von Wasserstoff vorgezogen werden. Kurzfristig sieht Wien Energie die prioritären Anwendungsfelder von erneuerbarem Wasserstoff im Nah-, Fern- und Schwerverkehr (insbesondere im Öffentlichen Personennahverkehr, wie z.B. Wasserstoffbusse) sowie in industriellen Verfahren. Mittel- bis langfristig kann erneuerbarer Wasserstoff als alternativer Brennstoff in KWK-Anlagen eingesetzt werden. Die direkte Nutzung von Wasserstoff in der Raumwärme ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu priorisieren.

Die direkte Nutzung von Wasserstoff in der Raumwärme stellt aus energiewirtschaftlicher Sicht zum aktuellen Zeitpunkt eine untergeordnete Rolle dar. Auch die Einspeisung von Wasserstoff in die bestehende Gasinfrastruktur ist eine nachgelagerte Thematik und wird aktuell nur im Rahmen von Teststellungen sowie Forschungsprojekten betrachtet. Zur Wärmebereitstellung im urbanen Raum sollten die genügend vorhandenen erneuerbaren Alternativen (wie z.B. Wärmepumpen oder Fernwärme) verwendet werden. Dadurch gelangt der Gebäudesektor nicht in Nutzungskonkurrenz zum Wasserstoffbedarf in anderen Sektoren.

Erneuerbarer Wasserstoff wird eine begrenzt verfügbare Ressource darstellen und sollte somit nachhaltig und effizient genutzt werden. Ökostrom-Überschüsse sollten in Zeiten geringer Nachfrage und hoher Erzeugung nicht ungenutzt bleiben, sondern in erneuerbaren Wasserstoff umgewandelt werden. Dann kann der erzeugte Wasserstoff entweder für eine spätere Rückverstromung zwischengespeichert oder in anderen Sektoren als Energieträger verwendet werden.

„Die saubere Energiezukunft ist ein Puzzle unterschiedlicher Lösungen. Ein Puzzlestein ist Wasserstoff. Mit ihm können wir Klimaschutz in jenen Bereichen umsetzen die darauf angewiesen sind: Industrieunternehmen, spezielle Transportlösungen und er kann als Speicher genutzt werden. Die Herausforderung wird sicherzustellen, dass er klimafreundlich und nicht klimafeindlich hergestellt wird. Derzeit ist Wasserstoff fast 100% fossil. Es wird auch wichtig sein, dass wir uns in der Umsetzung rasch auf die richtigen Sektoren fokussieren, um in diesen Sektoren samt der notwendigen Infrastruktur zeitgerecht einsatzfähig zu sein. Denn dieses Puzzlestück der Energiewende braucht eine lange Vorlaufzeit.“ 

Leonore Gewessler, Klimaschutzministerin

Unsere Forderungen

Damit das Wasserstoffpotential künftig voll ausgeschöpft werden kann, müssen schon heute die entsprechenden Rahmenbedingungen und Anreize für den zeitnahen Rollout geschaffen und die anwendungsorientierte Forschung initiiert werden.

  • Befreiung der Netzkosten: Nach § 111 ElWOG 2010 haben Anlagen zur Umwandlung von Strom in Wasserstoff für den Bezug von elektrischer Energie das verordnete Netznutzungs- und Netzverlustentgelt nicht zu entrichten. Diese temporäre Befreiung läuft jedoch Ende 2020 aus. Daher schlägt Wien Energie die zeitlich begrenzte Verlängerung der temporären Befreiung vom Netznutzungs- und Netzverlustentgelt vor. Die Befreiung sollte sich auf mindestens weitere zehn Jahre belaufen. Dies entspricht der Lebensdauer eines Elektrolyseurs. So wird die Technologie am Weg zur Marktreife gefördert.
  • Befreiung von Ökostromabgabe und -beitrag: Es ist klarzustellen, dass die Ökostromumlage für Elektrolyse-Anlagen entfällt. Da Elektrolyse-Anlagen der Dekarbonisierung des Gesamtsystems dienen, erscheint das Einheben von Ökostromförderkosten widersprüchlich. Durch den Wegfall der Abgabe wird sichergestellt, dass die Produktion von erneuerbarem Wasserstoff wirtschaftlicher wird.
  • Befreiung der Elektrizitätsabgabe: Laut § 2 Elektrizitätsabgabegesetz ist für die zur Erzeugung und Fortleitung von Erdgas eingesetzte Elektrizität eine Abgabe vorgesehen. Da diese Mehrfachbelastung den Einsatz von Wasserstoff verteuert, sollte besagte Abgabe für Elektrolyseure fallen.
  • Investitionsförderungen für Elektrolyse-Anlagen ohne Größenbeschränkung: Es wird die Dotierung eines nationalen Fördertopfes unter Nutzung der bestehenden Instrumente für die Errichtung und den Betrieb von Elektrolyse-Anlagen vorgeschlagen. Um der Wasserstoffproduktion den benötigen Antrieb zu verschaffen, darf die förderwürdige Größe von Elektrolyseuren nicht beschränkt werden.

Um die Vorgaben der Clean Vehicles Directive zur Dekarbonisierung des öffentlichen Verkehrs einhalten zu können, bedarf es finanzieller Anreize zur Errichtung von H2-Tankstellen (inkl. zugehöriger Infrastruktur, wie z.B. Trailerlieferung, Zwischenspeicher, Verdichter etc.) für Busse des Öffentlichen Personennahverkehrs, da diese ohne Förderung wirtschaftlich kaum realisierbar sind. Die Vergabe der Fördermittel für die Errichtung von Wasserstofftankstellen muss für die öffentliche Infrastruktur auch deswegen priorisiert werden, da die Clean Vehicles Directive strengere Flottenvorgaben im öffentlichen als im privaten Bereich vorschreibt.

Um maximale Transparenz gegenüber Markt und KundInnen und damit einhergehend entsprechende Wahlmöglichkeiten zu schaffen, sollte eine vollständige Kennzeichnung aller (nicht) erneuerbaren Gase (inkl. Ausweis des CO2-Fußabdrucks) etabliert werden. Ausgeschlossen muss sein, dass „grauer Wasserstoff“ über Herkunftsnachweise zertifiziert werden kann. Die Kompatibilität mit anderen Herkunftsnachweissystemen muss gewährleistet werden, damit die Flexibilität bei der Produktion von Wasserstoff erhalten bleibt. Dieses Herkunftsnachweissystem für Gase soll auf europäischer Ebene eingeführt werden.

Weiterführende Informationen

Ihre Ansprechpartnerin

Lisa Henhofer
Lisa Henhofer

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