Neue Akteure gestalten die Energiewende

Mit der Richtlinie für den Ausbau erneuerbarer Energien sowie der Richtlinie mit gemeinsamen Vorschriften für den Elektrizitätsbinnenmarkt wurden auf EU-Ebene maßgebliche Änderungen für den Energiemarkt der Zukunft beschlossen. Beide Richtlinien sehen EnergieverbraucherInnen als aktive Mitglieder („Prosumer“) im Mittelpunkt der Energiewende. In Form von Energiegemeinschaften sollen sie proaktiv an dieser Transformation teilnehmen. Wien Energie testet in einer der ersten Energiegemeinschaften Europas, dem Viertel Zwei, wie überschüssige, selbst produzierte Energie gekauft, verkauft oder lokal gespeichert werden könnte. Dafür werden bis 2024 mehr als zwei Mio. Euro investiert.

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Hintergrundinformationen

Energiegemeinschaften können künftig eine entscheidende Rolle bei der Energiewende spielen. Das Hauptziel hinter der Schaffung von Energiegemeinschaften liegt laut Europäischer Kommission in der Beschleunigung der Energiewende, welche durch die „Ermächtigung“ von VerbraucherInnen im Energiemarkt gelingen soll. Die in den jeweiligen EU-Richtlinien dafür vorgesehenen Erneuerbaren Energiegemeinschaften bzw. Bürgerenergiegemeinschaften sollen in den kommenden zwei Jahren national umgesetzt werden. Wien Energie betrachtet das Thema Energiegemeinschaften ganzheitlich und legt den Fokus auf smarte und nachhaltige Stadtquartiere.

VerbraucherInnen sollen gemäß der Vorstellung der EU-Kommission aktiv am Energiemarkt teilnehmen können. Sie beteiligen sich an einer erneuerbaren Erzeugungsanlage, betreiben diese gemeinschaftlich und sind auf diese Weise Teil einer Energiegemeinschaft. Innerhalb dieser Energiegemeinschaft agieren die TeilnehmerInnen als „Prosumer“. Das heißt, dass sie – durch die Beteiligung an einer erneuerbaren Erzeugungsanlage – einerseits selbst Strom erzeugen (producer) und andererseits den Strom selbst verbrauchen (consumer). Außerdem können sie den entsprechend ihrer Beteiligung erzeugten Strom innerhalb der Energiegemeinschaft auch direkt untereinander handeln (Peer-to-Peer Stromhandel) sowie gegen Dienstleistungen und Waren (wie z.B. bei E-Ladestationen) eintauschen.

An einer Energiegemeinschaft können natürliche Personen, lokale Behörden sowie Klein- und Mittelbetriebe auf freiwilliger und gemeinnütziger Basis teilnehmen. Als Mitglieder von Erneuerbaren Energiegemeinschaften sollen Prosumer – unter Beibehaltung ihrer Rechte und Pflichten – erneuerbare Energie zu einem begünstigten Ortstarif erzeugen, verbrauchen und verkaufen können. Die rechtlichen Bestimmungen hierfür definiert Artikel 22 der Erneuerbaren-Richtlinie. Neben Strom sollen Mitglieder einer Erneuerbaren Energiegemeinschaft auch Wärme und Kälte erzeugen und teilen können.

Bürgerenergiegemeinschaften dürfen gemäß Artikel 16 der Strommarktrichtlinie – anders als die Erneuerbaren Energiegemeinschaften – zudem bzw. ausschließlich den erneuerbaren Strom verteilen und aggregieren sowie Energieeffizienz- und Ladedienstleistungen anbieten. Eine geografische Nähe der Mitglieder ist in diesem Fall nicht notwendig. Optional soll auch eine länderübergreifende Teilnahme sowie das Errichten und der Betrieb von Verteilnetzen sowie Speicher ermöglicht werden.

Die nationale Umsetzung von Energiegemeinschaften soll in Form einer Weiterentwicklung des §16 ElWOG erfolgen. Wesentliche Eigenschaft für die nationale Umsetzung von Erneuerbaren Energiegemeinschaften ist die Nähe der Erzeugungsanlagen zur Energiegemeinschaft, was allerdings gemäß der EU-Richtlinie nicht für Bürgerenergiegemeinschaften gelten muss. Dies muss das zukünftige Gesetz auch entsprechend berücksichtigen und klar regeln.

Energiegemeinschaften können wesentlich zu einer Stromversorgung basierend auf erneuerbaren Energien in Österreich und damit zur Energiewende beitragen. Sie können somit eine zentrale Rolle im zukünftigen Energiesystem spielen. Gleiche Wettbewerbsbedingungen sind hierbei Voraussetzung für bestehende und neue TeilnehmerInnen am Energiemarkt. Dabei gilt es nicht nur die EU-Vorgaben zur erfüllen, sondern auch eine für Österreich praxistaugliche Umsetzung zu ermöglichen.

„Energiegemeinschaften sollen dazu beitragen, Bürgerinnen und Bürger an der Energiewende teilhaben zu lassen, und zwar als aktive KundInnen, die nicht bloß Energie verbrauchen, sondern auch selbst erzeugen, speichern und verkaufen. Damit soll die Akzeptanz erneuerbare Energie gestärkt werden: Das gemeinsame Projekt erzeugt „ownership“, mobilisiert Engagement und private Investitionen – und der erhöhte Eigenversorgungsgrad nützt auch dem Gesamtsystem.“ 

Dr. Benedikt Ennser, Abteilungsleiter für Energie-Rechtsangelegenheiten, Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie

Unsere Forderungen

Derzeit stößt die Realisierung von Energiegemeinschaften auf diverse rechtliche und faktische Schranken bzw. Hürden. So erlaubt etwa der im Jahr 2017 geschaffene § 16a Abs 1 ElWOG 2010 zwar den Betrieb von gemeinschaftlichen Erzeugungsanlagen (also etwa den gemeinschaftlichen Betrieb einer PV-Anlage auf dem Dach eines Mehrparteienhauses). Dies ist allerdings nur unter sehr eingeschränkten Voraussetzungen möglich. Im Ergebnis ist die Nutzung des von einer gemeinschaftlich betriebenen PV-Anlage erzeugten Stroms somit in der Regel bloß auf das jeweilige Haus, auf dem die PV-Anlage errichtet wurde, beschränkt.

Damit eine nationale Umsetzung der Energiegemeinschaften im Sinne der EU-Richtlinien so rasch wie möglich erfolgen kann, braucht es entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen.

Die Gründung sowie die Teilnahme an einer Energiegemeinschaft sollten so einfach wie möglich erfolgen. Dies erlaubt eine möglichst breite Partizipation der TeilnehmerInnen. Innerhalb einer Energiegemeinschaft sollen die TeilnehmerInnen über einen Betreiber verwaltet werden.

Energiegemeinschaften sollen die Möglichkeit haben, das Anlagenmanagement, den Service und die Wartung der erneuerbaren Erzeugungsanlagen an einen Dienstleister delegieren zu können. Dieser soll auch administrative Schritte für eine Registrierung der Mitglieder einer Energiegemeinschaft übernehmen können.

Zudem soll ein Leasingmodel möglich sein, bei dem das wirtschaftliche Eigentum der Anlage beim Leasingunternehmer verbleibt. Dies reduziert das wirtschaftliche Risiko für die Mitglieder der Energiegemeinschaft. Es soll auch ermöglicht werden, Überschüsse aus bestehenden erneuerbaren (§16a) Anlagen in die Energiegemeinschaft einzubringen.

Energiegemeinschaften sollten sich räumlich sinnvoll innerhalb eines Netzgebietes bilden können, um eine bestmögliche Nutzung der erzeugten Energie und die Vorteile einer Teilnahme an Energiegemeinschaften sicherzustellen. Die weitere technische Abgrenzung sollte so erfolgen, dass es die Bildung von Energiegemeinschaften nicht ungebührlich einschränkt.

Darüber hinaus sind Systemkosten wie z. B. Ausgleichsenergiekosten, die durch Abweichungen der tatsächlich produzierten Strommenge von den prognostizierten Werten entstehen, vom Verursacher zu tragen und dürfen nicht auf die übrigen Endverbraucher der Reststromlieferanten überwälzt werden.

Weiterführende Informationen

Ihre Ansprechpartnerin

Yolande Kyoni
Yolande Kyoni

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