Projekt Beschreibung

Photovoltaik in Wien: Theorie vs. Praxis

  • Theoretisch weist Wien ein sehr hohes Photovoltaik-Potenzial auf. Aufgrund technischer Einschränkungen lässt sich jedoch nur etwa ein Viertel auch tatsächlich realisieren.

  • Aktuelle rechtliche Rahmenbedingungen schränken den Ausbau zusätzlich ein. Die angekündigte Photovoltaik-Verpflichtung und Wohnrechtsreform können dazu beitragen, künftig mehr Potenzial auszuschöpfen.

  • Damit die Wiener Klimaschutzziele erreicht werden können, müssen daher auch Flächen außerhalb Wiens für die Sonnenstromproduktion genutzt werden. Wien Energie, Österreichs größter Solarstromerzeuger, plant bis 2030 einen PV-Zubau von 600 GWh und leistet damit einen zentralen Beitrag zur Zielerreichung.

18. August 2020

Zwei Drittel der Wiener Dachflächen theoretisch geeignet

Der Solarpotenzialkataster gibt Auskunft darüber, wie gut Wiens Dachflächen für die solare Nutzung geeignet sind. Verschiedene Standortfaktoren, wie z.B. die Ausrichtung und Neigung der Dachflächen oder der lokale Globalstrahlungswert, sind dafür entscheidend.

Bei einer Stadtfläche von rund 415 km2 und einem Bestand von rund 53 km2 Dachflächen sind theoretisch 64% der Dachflächen für die Nutzung von Solarthermie beziehungsweise Photovoltaik geeignet. Dies entspricht einer Fläche von circa 34 km2. Davon sind 5 km2  „sehr gut geeignet“ (Solarenergiepotenzial größer als 1200 kWh/m2 und Jahr) und 29 km2 „gut geeignet“ (Solarenergiepotenzial 900 bis 1200 kWh/m2 und Jahr).

Das theoretische Photovoltaikpotenzial beträgt in Summe 5.400 GWh pro Jahr. Dies ergibt sich aus einem theoretischen Photovoltaikpotenzial von 1.400 GWh im Winterhalbjahr und 4.000 GWh im Sommerhalbjahr.

Nur 25% des PV-Potenzials technisch realisierbar

Da in dem Solarpotenzialkataster von einer vollständigen Belegung der geeigneten Flächen ausgegangen wird, verringert sich das Potenzial aus technischer Sicht deutlich. Denn bei der Errichtung von PV-Anlagen müssen z.B. Rand- und Reihenabständen oder Absturzvorrichtungen berücksichtigt werden. Weitere Einschränkungen stellen in der Praxis benötigte Zugangswege zu technischen Anlagen, wie z.B. Lüftungen oder Klimageräten, Verschattungen, Schornsteine, Rauchabzüge, Fahrstuhlschächte, Höhenunterschiede, Satelliten-Schüsseln oder Schrägflächen dar. Aber auch der Denkmalschutz (betrifft 35.000 Gebäude in Wien), Flächenkonkurrenz (z.B. Dachbegrünung) und bestehende oder geplante Dachausbauten schränken das theoretische Solarpotenzial in der Realität weiter ein. Laut Berechnungen lassen sich von den 5.400 GWh somit 1.300 GWh (auf Gebäude- und wenigen Freiflächen) auch technisch realisieren.

Nachstehende Grafik veranschaulicht diese Herausforderung: Laut Solarpotenzialkataster besteht auf dem ausgewählten Standort ein PV-Potenzial von 662 kWp. Technisch realisierbar wären aufgrund von Dachaufbauten, Rauchabzügen und Fahrstuhlschächten jedoch nur 145 kWp.

Grafik 1: PV-Potenzial in Theorie und Praxis

Weitere Einschränkungen in der Praxis

Das reale technische Potenzial kann sich aufgrund eingeschränkter wirtschaftlicher Umsetzbarkeit und sozialer Faktoren weiter reduzieren. Beispiele hierfür wären die aktuellen Rahmenbedingungen mit geringen Einspeisetarifen für Überschussstrom, wodurch dem Eigenverbrauch Vorrang eingeräumt wird. Dies resultiert darin, dass bestehende und gut geeignete Dachflächen nicht vollständig ausgenutzt werden, sondern PV-Anlagen in ihrer Größe für das Verbrauchsverhalten optimiert werden. Aber auch leerstehende Objekte oder Zweitwohnsitze, die aufgrund des geringen Eigenbedarfs und Kostengründen selten mit PV-Anlagen ausgestattet werden, schränken das Potenzial weiter ein. WohnungseigentümerInnen sprechen sich in der Praxis aber auch aufgrund subjektiv empfundener mangelnder Ästhetik, fehlenden Investitionsmitteln und Bürokratie gegen Projekte aus. Oft scheitern Projekte auch an den Zustimmungserfordernisse der Miteigentümerschaften.

Schätzungen zufolge lässt sich bis 2030 daher eine PV-Leistung von 360 GWh technisch und wirtschaftlich in Wien realisieren, wobei hier neben Gebäudeflächen auch Freiflächen berücksichtigt wurden (siehe Grafik).

PV Potential in Wien

Grafik 2: Technisches und wirtschaftlich realisierbares PV-Potenzial Wiens

Flächen außerhalb Wiens müssen auch genutzt werden

Wien ist eine wachsende Stadt und so wächst auch ihr Energiebedarf. Aufgrund der steigenden Elektrifizierung in den Bereichen Verkehr und Wärme sowie neuen Anwendungen (wie z.B. Internet of Things) wird der Bedarf an erneuerbaren Erzeugungskapazitäten zusätzlich verstärkt. Die Nachfrage an Sonnenstrom ist in Wien damit deutlich höher, als vor Ort produziert werden kann. Laut einer Studie benötigt Wien für eine vollständige Dekarbonisierung des Energiesystems rund 1.700 GWh Sonnenstromkapazität. Berechnungen zufolge können bis 2050 unter aktuellen Rahmenbedingungen in Summe 700 GWh in Wien installiert werden. Weitere 1.000 GWh müssen daher auf Flächen außerhalb Wiens errichtet werden, um eine CO2-freie Energieversorgung für Wien sicherzustellen.

Politische Rahmenbedingungen müssen sich ändern

Ändern sich künftig die politischen Rahmenbedingungen, so steigt natürlich auch das realisierbare Photovoltaikpotenzial in Wien. Die angekündigte Photovoltaik-Verpflichtung auf Neubauten stellt hierbei einen zentralen Hebel dar. Eine in Aussicht stehende Reform des Wohnrechts könnte ebenfalls bestehende Hemmnisse bei der Anlagenerrichtung beseitigen und die Realisierungsrate erhöhen. Ein neues Förderregime, das auch dem Eigenverbrauchsvorrang ein Ende setzt, wäre ein weiteres Beispiel für eine konstruktive Maßnahme.

Weiterführende Beiträge

Das könnte Sie auch noch interessieren!

2020-08-07T13:49:00+02:00

Integrierte Photovoltaik

Für die österreichische Energiewende braucht es einen umfassenden Photovoltaik-Ausbau. Dieser soll zukünftig innovativer und diverser aussehen. Denn integrierte Photovoltaik-Lösungen ermöglichen neue Flächen intelligent und effizient für die Sonnenstromproduktion zu nutzen.