Projekt Beschreibung

Umfassende Transformation der Wärmeversorgung notwendig

  • Die Zielsetzung der Klimaneutralität bis 2040 im Regierungsprogramm bedeutet auch die Wärmeversorgung bis 2040 vollständig auf Erneuerbare umzustellen.

  • Die größte Herausforderung dabei ist, Alternativen für den Gaseinsatz zu finden. Die Fernwärme wird künftig an Bedeutung gewinnen.

  • Mit einem Erneuerbare Wärme Gesetz sollen nächstes Jahr klare Phase-Out-Ziele für den Ausstieg aus Fossilen gesteckt und Förderungen für den Ausbau einer klimafreundlichen Wärmeversorgung etabliert werden.

14. Dezember 2020

EnergieWEbinar ging in die fünfte Runde

Am 9. Dezember 2020 fand das fünfte #EnergieWEbinar der mehrteiligen Online-Diskussionsreihe von Wien Energie statt. Unter dem Titel „Vom EAG zum EWG: Erneuerbare Wärme als Schlüssel zur Energiewende“ diskutierten Christina Fürnkranz (Referentin, Fachverband der Gas- und Wärmeversorgungsunternehmen), Adi Gross (Mitglied des Bundesrates, Die Grünen), Herbert Lechner (Deputy Managing Director & Chief Scientific Officer, Österreichische Energieagentur) und Gudrun Senk (Geschäftsfeldleiterin Asset Entwicklung, Realisierung und Management, Wien Energie GmbH) darüber, welche Rahmenbedingungen, Forschungsinitiativen und Förderpakete für den Ausbau einer erneuerbaren Wärmeversorgung nötig sind.

Keine Energiewende ohne Wärmewende

Die Dekarbonisierung des Wärmesektors bis 2040 verlangt einen gesamten Umbau der Wärmeversorgungsstruktur. Da die Hälfte des energetischen Endverbrauchs für die Wärmeerzeugung verwendet wird, stellt die Wärmewende den zentralen Kraftakt bei der Transformation unseres Energiesystems dar. Die größte Herausforderung besteht darin, Alternativen für den Gaseinsatz zu finden. Denn Erdgas ist mit einem Anteil von rund einem Drittel in der fossilen Wärmeerzeugung der mit Abstand wichtigste Energieträger. In der Produktion ist der Gaseinsatz etwa doppelt so hoch wie in Haushalten.

Raus aus Fossilen

Um für Wärme- und Gasversorgungsunternehmen Planungssicherheit zu schaffen, gilt es schon jetzt Zielsetzungen und Pfade für die Dekarbonisierung des Sektors zu definieren. Mit einem Erneuerbare Wärme Gesetz sollen demnächst klare Phase-Out-Daten vorgelegt werden. Schon jetzt ist sicher, dass bis 2035 alle Öl- und Kohleheizungen und bis spätestens 2040 alle Gasheizungen ausgetauscht sein müssen.

Beim fossilen Kesseltausch (Kohle, Öl, Gas) sollen auf Basis eines Entscheidungsbaumes erneuerbaren Energien ganz klarer Vorrang eingeräumt werden. Dazu gehören vor allem die Fernwärme, Wärmepumpensysteme, Geothermie und im reduzierten Ausmaß auch Biomassesysteme. Außerdem soll ein Rahmen für die Zentralisierung von Heizsystemen geschaffen werden. Zusätzlich dazu soll ein Stufenplan, bis wann die Systeme entsprechend umzusetzen sind, vorgelegt werden. Begleitend sind entsprechende Investitionsanreize und Förderungen vorgesehen. Schwerpunktmäßig sollen auch einkommensschwache Haushalte umfänglich unterstützt werden. Dafür sollen in den nächsten zwei Jahren insgesamt 750 Millionen Euro bereitgestellt werden.

Grüne Wärme? Fernwärme!

Fernwärme wird an Bedeutung gewinnen und ein zentraler Energieträger der Zukunft sein. Dazu herrschte unter den DiskutantInnen Konsens. Doch der benötigte Kraftakt, um bis 2040 eine 100%ig erneuerbare Wärmeversorgung garantieren zu können, wird nicht alleine durch den Fernwärme-Ausbau zu bewerkstelligen sein. Auch Power-to-Heat Anlagen, die aus überschüssigem Strom Wärme produzieren, Großwärmepumpen, dezentrale Wärmepumpensysteme und tiefe Geothermie werden dazu beitragen müssen.

„Gesamtheitlich betrachtet ist ein Umstieg auf die Fernwärmesysteme das volkswirtschaftlich kostengünstigste Instrument für eine Dekarbonisierung,“ stellte dazu Gudrun Senk fest.

Genug Grünes Gas für alle da?

Wie steht es um die Zukunft von Gas? Diese Frage war bei den DiskutantInnen umstritten. Für Herbert Lechner ist klar, dass Grünes Gas die derzeitigen Einsatzmengen von fossilem Gas nicht ersetzen wird können. Daher sollte Grünes Gas nur dort eingesetzt werden, wo dessen Hochwertigkeit notwendig ist – nämlich in der Industrie, in der Fernwärme und als Netzreserve. Der Haupteinsatz von Grünem Gas sollte damit außerhalb der Raumwärme liegen, denn hier gäbe es viele Alternativen, um auf andere Technologien umzustellen.

„In der Gesamtperspektive stellt Gas im Raumwärmebereich nur einen Nebenschauplatz dar. Hingegen hat Grünes Gas für eine klimaneutrale Industrie eine enorme Bedeutung. Wenn die Gaswirtschaft das Thema Grünes Gas also offensiver in den Nicht-Raumwärmebereichen angeht, wäre das eine gute Sache,“ zeigte sich Herbert Lechner überzeugt.

Dem widersprach Christina Fürnkranz. Der FGW sieht Grünes Gas in Zukunft auch im Raumwärmebereich als kostengünstigste Dekarbonisierungsvariante.

„Derzeit liegt der Gesamtverbrauch von Gas bei acht Milliarden Kubikmeter, davon ca. zwei Milliarden für das Heizen. Daher ist im Raumwärmebereich, vor allem für die bestehenden ein Millionen Gasheizungen, neben der Steigerung der Energieeffizienz der Tausch von fossilem zu erneuerbarem Gas (Biomethan, synthetisches Gas und Wasserstoff) ein geeignetes, wenn nicht sogar das beste Mittel,“ meinte Christina Fürnkranz.

Das Gasnetz, das vor allem die Haushalte versorgt, wird in den nächsten 20 Jahren nicht in diesem Umfang erhalten werden können, zeigte sich Adi Gross überzeugt. Doch die Grünen möchten die Gasnetzbetreiber nicht auf ihren Kosten sitzen zu lassen. Wenn es „stranded investments“ gibt, muss es eine Möglichkeit geben diese einzurechnen. So könnten beispielsweise anrechenbare Kosten definiert werden.

„Wir arbeiten nicht gegen die Gaswirtschaft. Es geht uns darum einen Dekarbonisierungspfad zu finden, der sich auch mit den Potentialen deckt,“ stellte Adi Gross klar.

In die richtige Richtung lenken

Um die Wärmewende realisieren zu können, braucht es entsprechende rechtliche Rahmenbedingungen sowie funktionierende und treffsichere Fördersysteme.

„Um Grünes Gas auf den Weg zu bringen, braucht es ein Fördersystem. Wir werden alle Anstrengungen und Technologien brauchen, um das ambitionierte Ziel der Klimaneutralität bis 2040 zu erreichen. Deswegen brauchen wir Technologieoffenheit und keine Verbote. Grünes Gas soll gleichbehandelt werden, wie alle anderen Technologien,“ forderte Christina Fürnkranz.

Mit dem Erneuerbare Wärme Gesetz sollen die dafür benötigten regulatorischen Voraussetzungen nächstes Jahr geschaffen werden. Zusätzlich könnte mit der Einführung einer CO2-Steuer eine weitere Lenkungswirkung in Richtung Erneuerbare entfaltet werden.

„Eine ökologische Steuerreform ist in Arbeit. Hier wird es zu einer CO2-Bepreisung kommen. Wie hoch diese liegen wird, ist noch nicht geklärt, aber hoffentlich auf einem Niveau, dass sie eine Lenkungswirkung hat,“ erklärte Adi Gross.

Neben Steuern und Förderungsmodellen braucht es aber auch nicht-monetäre Anreize. Effizientere Genehmigungsverfahren würden dazu führen, die vorhandenen Potentiale besser zu nutzen, um mehr Breitenwirkung zu schaffen.

„Bei vielen unserer Projekte sehen wir, dass unser derzeitiges System noch nicht dafür ausgelegt ist, neuartige Techniken in das System zu integrieren – sei es das Genehmigungsrecht oder die Anreizmechanismen,“ kritisierte Gudrun Senk.

„Eine neue Kultur des Miteinanders“

Zielsetzungen, Zeitplan und Technologien für die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung sind vorhanden. Für eine erfolgreiche Realisierung fehlt es nun nur mehr am gemeinsamen Umsetzungswillen von Bund und Ländern, resümierte Herbert Lechner:

„Die Technologien haben wir. Doch der Schlüssel ist der Schulterschluss von Bund und Ländern. Wenn es weiterhin zehn verschiedene Strategien und Ziele gibt und kein gemeinsames Projekt, dann wird es sich bis 2040 nicht ausgehen. Die derzeitigen Arbeiten an einer gemeinsamen Lösung für den Wärmebereich machen Hoffnung.“

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