Projekt Beschreibung

Gastbeitrag: Öffentliche Ladeinfrastruktur als Schlüsselelement für die E-Mobilität

  • Die Antriebsfrage im PKW-Sektor steht fest: Batterieelektrische Autos setzen sich durch.

  • Für die E-Mobilität ist eine transparente, leicht verständliche und gut ausgebaute öffentliche Ladeinfrastruktur eine notwendige Voraussetzung.

  • Die öffentliche Hand kann mit klaren und ambitionierten Vorgaben und Zielen für öffentliche Ladestationen die Mobilitätswende entscheidend voranbringen.

16. März 2021

Wir brauchen keine Technologieoffenheit, sondern Technologieklarheit

Die Mobilität befindet sich im Wandel. Der europäische Green Deal und das Nachschärfen der Klimaziele beschleunigen diese Entwicklungen. Im PKW-Sektor können die Klimaziele nur mit überwiegend batterieelektrischen Fahrzeugen erreicht werden – weshalb hier keine Technologieoffenheit, wie in den letzten Jahren, sondern eine Technologieklarheit benötigt wird. Dies betont auch Audi Chef Markus Duesmann. Technologieklarheit bedeutet, dass im PKW-Sektor der alleinige Fokus auf batterieelektrische Fahrzeuge und die dafür benötigte Ladeinfrastruktur zu legen ist. Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe sind energetisch zu wertvoll, als dass sie mit geringeren Wirkungsgraden im PKW-Sektor verbraucht werden. Dazu benötigt es klare und ambitionierte Vorgaben der öffentlichen Hand, damit sich alle Stakeholder darauf einstellen können.

Ladeinfrastruktur bildet Rückgrat der E-Mobilität

Aus Studien und Pilotversuchen wissen wir, dass rund 80-90% der Ladungen von E-Autos am Wohn- oder Arbeitsort stattfinden. Deshalb ist es aus politischer Sicht entscheidend, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass dort möglichst viele ihr E-Auto laden können. Eine vom deutschen Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) in Auftrag gegebene Studie unterstreicht diese Wichtigkeit: Im Jahr 2030 wird an rund 61% der privaten Stellplätze ein Ladepunkt zur Verfügung stehen.

Neben der privaten Ladeinfrastruktur ist ein gut ausgebautes Netz an öffentlichen Ladestationen eine notwendige Voraussetzung für die E-Mobilität. Laut dem RWI – Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung führt ein Ausbau von öffentlichen Ladepunkten um 10% zu einem Anstieg der E-Fahrzeugkäufe um rund 5%. Bei Schnellladestationen beträgt dieser Effekt das Vierfache. Auch wenn es sich hier um einen Näherungswert handelt, ist ein direkter Zusammenhang von öffentlicher Ladeinfrastruktur und der Nachfrage nach E-Autos erkennbar.

Über 10.000 öffentliche Ladepunkte pro Jahr bis 2030

Laut Europäischer Kommission soll ein öffentlicher Ladepunkt für je zehn E-Autos zur Verfügung stehen. In der vom BMVI beauftragten Studie wird geschlussfolgert, dass sich dieses Verhältnis von 10:1 bis 2030 auf rund 20:1 verändern wird. Wenngleich es im hochrangigen Straßennetz und im urbanen Raum mehr öffentliche Ladestationen bedarf wie im ländlichen. Ebenso hat die Verfügbarkeit von privaten Ladestationen einen direkten Einfluss auf dieses Verhältnis.

Laut einem Hochlaufmodell von AustriaTech bedarf es bis 2025 rund 1,1 Mio. und bis 2030 rund 2,8 Mio. E-Autos im Bestand, um bis 2040 einen emissionsfreien PKW-Sektor zu erreichen. Im Modell wird eine gleichbleibende Anzahl an Gesamt-PKW angenommen. Wird das Verhältnis 20:1 der BMVI Studie herangezogen, bedeutet dies, dass in Österreich bis 2025 rund 55.000 und bis 2030 rund 140.000 öffentliche Ladepunkte benötigt werden. Zwar handelt es sich hierbei um ein Maximalszenario, doch wird die Herausforderung beim weiteren Ausbau öffentlicher Ladestationen ersichtlich. Um dieses Ziel zu erreichen müssen bereits heute klare Vorgaben und Rahmenbedingungen geschaffen werden, um den weiteren Ausbau zu unterstützen und Investitionssicherheit zu schaffen

„Das europaweite Laden von E-Autos muss so einfach werden wie Bargeld abheben.“

In Österreich gibt es mit Stand Februar 2021 rund 7.700 öffentliche Ladepunkte. Im Europavergleich liegt Österreich beim Verhältnis von E-PKW zu öffentlichem Ladepunkt mit 8:1 derzeit im vorderen Bereich. Allerdings ist Österreich beim E-Anteil an den Neuzulassungen im EU-27-Vergleich bereits auf Platz 10 zurückgerutscht. Werden auch Nicht-EU-Länder in die Betrachtung miteinbezogen, liegt Österreich bei den Neuzulassungen auf dem 14. Platz (batterieelektrische und Plug-In-Hybride PKW).

Doch für den Umstieg auf ein E-Auto entscheiden nicht nur quantitative, sondern vielfach auch qualitative Faktoren. Werden öffentliche Ladestationen betrachtet, wird klar, dass diese Qualität für viele NutzerInnen derzeit noch nicht ausreichend vorhanden ist – insbesondere, wenn das europaweite Laden betrachtet wird: Intransparente Ladepreise und Roaming-Gebühren, Unsicherheiten mit welcher Ladekarte geladen werden kann, unterschiedliche Voraussetzungen für das punktuelle Aufladen, teilweise schlecht auffindbare und nicht überdachte Ladestationen – um nur ein paar Aspekte zu nennen. Für den weiteren Ausbau müssen die KundInnenbedürfnisse in den Vordergrund gestellt werden. Dafür müssen öffentliche Ladestationen in einem Gesamt-Ökosystem betrachtet und mit neuen Services verknüpft werden.

Mit ambitionierten Maßnahmen zurück ins europäische Spitzenfeld

Aus Umfragen und Gesprächen wissen wir, dass sich NutzerInnen eine einfach handhabbare, leicht verständliche und gut ausgebaute Ladeinfrastruktur mit einem transparenten Abrechnungssystem wünschen. Laut einem Rechtsgutachten des deutschen Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) kann eine transparente Abrechnung des Ladestroms nur durch die Maßeinheit Kilowattstunde (kWh) erfolgen, wenngleich auch andere verbrauchsunabhängige Preisbestandteile erhoben werden können. Neben der deutschen Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) fordern auch österreichische Interessensvertretungen wie die Arbeiterkammer und der Elektro-Mobilitäts-Club Österreich eine Abrechnung nach kWh. Eine möglichst rasche Umstellung aller öffentlichen Ladestationen auf eine kWh-basierte Abrechnung ist somit unabdingbar, um den Umstieg auf E-Autos in Österreich zu beschleunigen und eine kundenfreundliche E-Mobilität zu gewährleisten.

Um Österreich bei der E-Mobilität wieder zurück ins europäische Spitzenfeld zu verhelfen, sind vonseiten der öffentlichen Hand klare Vorgaben und Maßnahmen für eine transparente, kundenfreundliche und gut ausgebaute öffentliche Ladeinfrastruktur vonnöten. Neben den nationalen Rahmenbedingungen ist es insbesondere für das grenzüberschreitende Laden essenziell, dass sich Österreich auf europäischer Ebene für eine Harmonisierung beim öffentlichen Laden sowie für ambitionierte Vorgaben beim weiteren Ausbau stark macht.

Forderungen für den weiteren Hochlauf der E-Mobilität

Welche weiteren Maßnahmen sind zu setzen, um der E-Mobilität in Österreich zum Durchbruch zu verhelfen? Wir fordern:

  • Europaweit einheitliche Definition für das punktuelle Aufladen
  • Europaweit faire, transparente und einheitliche Gestaltung der Roaming-Gebühren
  • Europaweit einheitliche Vorgaben für Bezahlvorgänge bei neuen Ladestationen mit angemessener Übergangsfrist
  • Europaweite Mindestziele für öffentliche Ladepunkte entlang von Hauptverkehrsstrecken und im urbanen Raum
  • Europaweit einheitliche Regelungen hinsichtlich der Verrechnung der MwSt. bei grenzüberschreitendem Laden
  • Offizielles europaweites Ladestellenregister mit einer offenen Schnittstelle für E-Mobilitäts-Services und Routingmöglichkeiten
  • Verpflichtende Übermittlung weiterer statischer und dynamischer Daten wie Preisinformationen (Ad-hoc, Pauschalen, Tarife) und Belegstatus an das Ladestellenregister der E-Control
  • Etablierung eines Preisvergleichsrechners bei der E-Control für die Schaffung von Transparenz, analog zu Spritpreis- und Stromvergleichsrechner
  • kWh-Abrechnung als Standard für die geladene Energiemenge (unabhängig von anderen verbrauchsunabhängigen Preisbestandteilen)
  • Einheitliches Ausweisen des kWh-Preises vor Beginn des Ladevorgangs (z.B. an Ladestation, im Web oder in einer App)
  • Einheitliche Leit- und Kennzeichnungssysteme für ein leichteres Auffinden von Ladestationen
  • Überdachung aller neuen Ladestationen mit höherer Priorität (z.B. höherrangiges Straßennetz, urbane Schnellladehubs) und Sicherstellung einer Grundversorgung (Verpflegung, Toiletten, Reinigungsmöglichkeiten)

Gastautor:
Thomas Eberhard
Leiter Dekarbonisierung & Fahrzeugtechnologien,
AustriaTech

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