Projekt Beschreibung

… Raffael Koscher zu PV-Freiflächenanlagen

  • Bezogen auf die gesamte landwirtschaftlich genutzte Fläche in Österreich müssten nicht einmal 0,5 % davon für den benötigten Ausbau von PV-Freiflächenanlagen verwendet werden.

  • PV-Freiflächenanlagen können mit einer Reihe anderer Flächenfunktionen symbiotisch am gleichen Standort funktionieren.

  • Eine intelligente Zonierung stellt sicher, dass die PV-Entwicklung in der eigenen Umgebung auf geeignete Standorte beschränkt und der örtliche Beitrag zur Energiewende von einer wesentlich größeren Akzeptanz der Bevölkerung getragen wird.

6. April 2021

Um unsere Klimaziele zu erreichen, muss die Photovoltaik bis 2030 um 11 TWh ausgebaut werden. Dafür wird es nicht ausreichen, lediglich PV-Anlagen auf Dächern zu installieren. Eine Studie zeigt auf: Knapp die Hälfte des angestrebten Ausbaus muss in der Freifläche geschehen. Wie groß ist der dafür notwendige Flächenbedarf? Und was gilt es dabei aus raumplanerischer Sicht zu beachten, um die Akzeptanz der Bevölkerung sicherzustellen? Das haben wir Raffael Koscher, Experte für strategische Standortplanungen für Photovoltaik- und Windkraftanlagen am Österreichischen Institut für Raumplanung, gefragt.

Wie groß ist der Flächenbedarf für den benötigten PV-Ausbau in der Freifläche bis 2030?

Wieviel des geplanten PV-Ausbaus bis 2030 auf Freiflächen errichtet werden soll ist nicht klar definiert, als Richtwert hat sich in den letzten Monaten etwa 50 % herauskristallisiert. Die aktuellen empirischen Studien zum Flächenbedarf für PV-Freiflächenanlagen in Deutschland decken sich recht gut mit theoretischen Berechnungen auf Basis aktueller PV-Module und kommen auf einen Flächenbedarf von ca. 1,4 ha je installiertem MWp Nettogrundfläche in ebenem, störungsfreien Gelände. In Summe ergibt sich somit ein Flächenbedarf von 75 bis 100 km² in Österreich für den PV-Ausbau auf Freiflächen bis 2030, also etwas weniger als der 22. Wiener Gemeindebezirk oder das Gemeindegebiet von Linz bzw. etwas mehr als der Zuwachs an Bau- und Verkehrsfläche zwischen 2016 und 2018 in Österreich.

Bei einer durchschnittlichen installierten Leistung von 10 MWp pro Anlage ergibt das 550 Anlagen mit durchschnittlich 14 ha Grundfläche für ganz Österreich. Auf alle Gemeinden in Österreich gerechnet ergibt sich im Mittel ein Flächenbedarf von 3,7 ha je Gemeinde bzw. in jeder dritten Gemeinde eine Anlage mit 10 MWp. Bezogen auf die gesamte landwirtschaftlich genutzte Fläche in Österreich müssten nicht einmal 0,5 % davon für den Ausbau von PV-Freiflächenanlagen verwendet werden. Für den Energiepflanzenanbau werden gemäß Agrarstrukturerhebung mehr als die doppelte Fläche verwendet, als für PV-Freiflächenanlagen nötig wäre.

Was muss in Bezug auf die Raumplanung bei der Anlagenerrichtung berücksichtigt werden, damit sich PV-Freiflächenanlagen optimal eingliedern lassen?

Die möglichen Auswirkungen von PV-Freiflächenanlagen hängen von folgenden Faktoren ab: auf der einen Seite die bauliche Ausführung der Anlage und auf der anderen Seite die Vornutzung sowie der ökologische Ausgangszustand der betreffenden Fläche. Bei PV-Freiflächenanlagen besteht eine sehr große Varianz in der baulichen Ausführung bzw. Gestaltungsmöglichkeit der einzelnen Anlage, sodass die Auswirkungen an einem bestimmten Standort rein durch die Dimensionierung und Ausgestaltung der Anlage sehr differieren können. PV-Freiflächenanlagen nehmen in der Regel zwar sehr große Flächen in Anspruch, nutzen diese aber bei entsprechender baulicher Gestaltung nicht exklusiv, sondern können mit einer Reihe anderer Flächenfunktionen symbiotisch am gleichen Standort funktionieren (z.B. Doppelnutzung mit Landwirtschaft aber auch eine ökologische Aufwertung und Erhöhung der Biodiversität am Standort). Voraussetzung dafür ist immer eine auf die Bedürfnisse der anderen Flächenfunktion abgestimmte bauliche Ausführung sowie ein generell geeigneter Standort.

Die Raumplanung muss an all diesen Punkten ansetzen: geeignete Standorte finden und an diesen entsprechende, auf den jeweiligen Standort abgestimmte, Planungsstandards vorgeben. Durch intelligente Planung im Vorfeld kann das Verfahrensrisiko im Genehmigungsverfahren wesentlich verringert werden sowie die Akzeptanz in der Bevölkerung gesteigert werden. Negative Auswirkungen können allerdings nicht nur von einer einzelnen PV-Anlage ausgehen, sondern vor allem von der Summe aller Anlagen, wenn in einem Standortraum die Tragfähigkeit der Landschaft überschritten wird. Es gibt in Österreich viel mehr Einzelflächen die für sich gesehen als Standort für eine PV-Freiflächenanlage geeignet wären, als benötigt werden. Gleichzeitig wäre aber bei Realisierung von zu vielen Standorten innerhalb eines Standortraums eine Raumverträglichkeit nicht mehr gegeben. Diese kumulativen Wirkungen können mit einer strategischer Planung, die sich an den räumlichen Gegebenheiten und am Bedarf bzw. den politischen Zielsetzungen orientiert, betrachtet und entsprechend gelöst werden.

Welche Vorteile bringt eine Photovoltaik-Zonierung hinsichtlich der Akzeptanz in der Bevölkerung?

Eine gut gemachte Zonierung ist nicht einfach eine Festlegung von einzelnen Flächen, sondern zeichnet sich durch folgende Punkte aus:

  • Standorteignung: Es werden nur Standorte ausgewählt, die prinzipiell geeignet scheinen und an denen nicht eine andere Nutzung Vorrang hat.
  • Individuelle Anpassung: Für die jeweilige Zone werden Kriterien und Maßnahmen definiert, inwieweit und unter welchen Umständen dort eine raumverträgliche Nutzung möglich ist.
  • Bedarfsorientierung: Die Menge der ausgewiesenen Flächen orientiert sich am Bedarf bzw. an der politischen Zielsetzung.
  • Gesamtheitliche Betrachtung: Nicht das Einzelprojekt, sondern die Gesamtheit aller Projekte in einer Region sind Planungsgegenstand. Damit können auch kumulative Wirkungen betrachtet werden und gegebenenfalls bessere Alternativen gefunden werden.
  • Transparenz und Nachvollziehbarkeit: Der Planungsprozess, seine Zielsetzung und Methodik sind von Anfang an bekannt. In die Erstellungwerden verschiedene Stakeholder aus der Verwaltung (Raumplanung, Naturschutz, Anlagenrecht), aber auch die Gemeindevertretern und die Bevölkerung direkt sowie die potenziellen Betreiber der Anlage involviert. Damit können alle Ansprüche und auch Befürchtungen gehört werden und gegebenenfalls Unsicherheiten geklärt werden.
  • Planungssicherheit: Durch den abgestimmten Prozess können die Projektentwickler an den vorqualifizierten Standorten die Detailplanungen zielgerichtet weitertreiben und können verlorene Investitionen an ungeeigneten oder umstrittenen Standorten frühzeitig vermeiden.

Eine einzelne PV-Anlage entscheidet nicht über Erfolg oder Misserfolg der Energiewende, kann aber Teil des großen Ganzen sein. Der Eingriff in den Raum – den jede große Freiflächenanlage zweifellos darstellt – muss also für die Bevölkerung über den dahinter liegenden Nutzen begründet und nachvollziehbar sein. Gleichzeitig kann eine gute Zonierung aber auch Sicherheit geben, dass die Entwicklung in der eigenen Umgebung auf einzelne, aus fachlicher Sicht geeignete, Standorte beschränkt ist, und keine Gefahr besteht, dass nach und nach die gesamte Landschaft von PV-Anlagen dominiert wird und andere Nutzungen verdrängt werden. Werden diese Punkte erfüllt, ist der örtliche Beitrag zur Energiewende von einer wesentlich größeren Akzeptanz getragen.

Im Inteview:
Raffael Koscher
Experte,
Österreichisches Institut für Raumplanung

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