Projekt Beschreibung

… Gert de Block zur Integration des Energiesystems

  • Die systematische Integration des Energiesystems vereint alle Technologien und realisiert die Energiewende effektiv und auf kosteneffiziente Weise.

  • Lokale Energieunternehmen sind dank ihrer integrierten Aktivitäten im lokalen Versorgungssektor bereits stark daran beteiligt, Lösungen und Synergien zwischen der Energie-, Verkehrs- und Wohnbaupolitik für die Energiewende anzubieten. 

  • Damit sich neue Technologien entwickeln können, müssen die EU und die nationalen Regierungen beträchtliche Investitionen anziehen, was bedeutet, dass die nächste Herausforderung die Finanzierung ist. 

21. Juli 2020

Am 8. Juli 2020 hat Vizepräsident Frans Timmermans ein lang erwartetes und umfassenderes Bild zum komplexen Puzzle der Energiewende enthüllt. Die neue EU-Kommission legt ihren Schwerpunkt auf die nachhaltige Integration des Energiesystems und versucht somit maßgeblich zur Überwindung des weniger effizienten Silodenkens beizutragen. Dazu haben wir mit Gert de Block, dem Generalsekretär des europäischen Verbands kommunaler Energieunternehmen (CEDEC), gesprochen. Er hat sowohl die Strategie zur Integration des Energiesystems als auch die EU-Wasserstoffstrategie genau unter die Lupe genommen, um zu erfahren, welche Synergien die EU-Kommission zu erreichen gedenkt.

Welche Erwartungen hatten Sie an die Strategie für eine Integration des Energiesystems der EU-Kommission? Wurden Ihre Erwartungen erfüllt? Wo enttäuscht sie Ihrer Meinung nach?

Dezentrale und integrierte Lösungen sind Teil der DNA unserer Mitglieder, der lokalen Energieunternehmen in der EU. Während sich das Energiesystem dezentralisiert, setzen wir uns seit vielen Jahren auf EU-Ebene für einen integrierten Energiesystemansatz ein. Wir glauben, dass ein Rahmen für die verbesserte und systematische Integration von Energiesystemen alle Energiesektoren und -technologien am besten nutzt und die Energiewende auf kosteneffiziente Weise effektiv realisiert.

Am 8. Juli wurde endlich ein umfassenderes Bild zum komplexen Puzzle der Energiewende enthüllt. Wir sind erfreut, dass die neue EU-Kommission ihren Schwerpunkt auf die nachhaltige Integration des Energiesystems gelegt und damit zur Überwindung des weniger effizienten Silodenkens beigetragen hat. Es ist sehr positiv zu bewerten, dass Zirkularität und Energieeffizienz im Mittelpunkt der Strategie stehen: dieser Ansatz sollte auch die Wiederverwendung und Nachrüstung bestehender Netzinfrastrukturen ermöglichen und den richtigen Wert aus KWK- und Fernwärme- bzw. Fernkühlsystemen ziehen, die heute bereits die Eckpfeiler der Integration lokaler Energiesysteme bilden. Es gibt jedoch noch einige Lücken in der Konzeptualisierung beider veröffentlichter Strategien.

In der Strategie für eine Integration des Energiesystems wird die Verteilerebene immer noch übersehen oder zumindest unzureichend berücksichtigt. Die EU-Kommission unterstreicht zwar die Notwendigkeit, die Energiemärkte für verteilte Ressourcen fit zu machen, konzentriert sich jedoch nach wie vor stärker auf “zentralisierte” Großtechnologien wie Offshore-Wind und betrachtet die Vorteile erneuerbarer und dekarbonisierter Gase hauptsächlich für schwer zu dekarbonisierende Industriesektoren, die an die Übertragungsebene angeschlossen sind.

Gleichermaßen wird die dezentrale Wasserstoffproduktion in der Wasserstoffstrategie nur unzureichend behandelt. Die EU-Kommission scheint das beträchtliche Potenzial der dezentralen Wasserstoffproduktion zur Deckung des lokalen und regionalen Bedarfs durch lokale Ressourcen zu unterschätzen. Darüber hinaus wird das Thema Infrastrukturen auf Verteilerebene nur für die Beimischung von Wasserstoff im Erdgasnetz zu einem begrenzten Prozentsatz und für eine bestimmte Übergangszeit behandelt. Die Strategie für die Verteilerebene konzentriert sich auf die zu überwindenden Barrieren und geht weniger auf das Innovationspotential und die Investitionsmöglichkeiten ein.

Die nachhaltige Integration des Energiesystems bietet eine große Chance für das Gelingen der Energiewende und hängt sehr stark vom effizienten Zusammenspiel der verschiedenen Sektoren ab. Welche Synergien können durch eine Integration der Sektoren Ihrer Meinung nach erzielt werden?

Es gibt ein erhebliches unausgeschöpftes Potenzial. Das Gute ist, dass in den meisten Fällen keine Raketentechnologien erforderlich sind oder etwas Neues erfunden werden muss. Wir sollten nur vollständig davon Gebrauch machen, was bereits seit Jahren umgesetzt wird. Lokale Energieunternehmen sind dank ihrer integrierten Aktivitäten im lokalen Versorgungssektor bereits stark daran beteiligt, Lösungen für die Energiewende anzubieten. Synergien zwischen Energie-, Verkehrs- und Wohnbaupolitik sind vielfältig und können auf lokaler Ebene in der Nähe der BürgerInnen und KundInnen leichter erreicht werden.

Das Bilden von Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Sektoren bietet die Flexibilität, die ein auf erneuerbaren Energien basierendes Energiesystem benötigt, wodurch die Gesamtkosten für den Übergang zu einem dekarbonisierten Energiesystem gesenkt werden. Die bestehende Gasinfrastruktur kann den saisonalen Bedarf ausgleichen und schafft ein widerstandsfähigeres Energiesystem, verglichen mit einem reinen Stromkonzept. Die Nutzung von Strom für den Wärme- und Verkehrssektor birgt enorme Potenziale durch Wärmepumpen und Wärmespeicher in Gebäuden sowie bei Elektrofahrzeugen und Fahrzeug-zu-Netz-Anwendungen (vehicle-to-grid, V2G).

Wo jedoch energieintensive Anwendungen schwer zu elektrifizieren sind und die Elektrifizierungskosten für Endanwendungen relativ hoch sind, müssen erneuerbare Energien und kohlenstoffarme Gase die Lücke füllen. Da sich Moleküle leichter transportieren und große Energiemengen leichter speichern lassen und da viele Infrastrukturen und Anwendungen leicht an die Aufnahme erneuerbarer Energien und dekarboniserter Gase angepasst werden können, stellen sie hinsichtlich Kosten und Ressourceneffizienz die bessere Alternative der Dekarbonisierung dar.

Die optimale Nutzung und Integration erneuerbarer Energieträger und Energiespeicherung sind nur zwei der zum Teil noch ungelösten Herausforderungen auf dem Weg zu einer klimaneutralen EU-Wirtschaft. Welche weiteren Herausforderungen gilt es Ihrer Meinung nach für eine nachhaltige Integration des Energiesystems noch zu beachten?

Die Digitalisierung und die verbesserte und detaillierte “Sichtbarkeit” des Energiesystems werden der Schlüssel sein, um eine nachhaltige Integration des Energiesystems wesentlich zu erleichtern und zu unterstützen. Bevor die Digitalisierung ihr Potenzial umfangreich entfalten kann, ist es entscheidend, einen angemessenen Rahmen zu schaffen, um die Rollen und Verantwortlichkeiten aller beteiligten Akteure zu definieren. Wo sich die Märkte noch in der frühen Entwicklungsphase befinden oder noch nicht wettbewerbsfähig sind, sollte es den Netzbetreibern erlaubt sein, Initiativen zu ergreifen, die zur Reife neuer Technologien beitragen und dem Energiesystem Flexibilität verleihen (wie Energiespeicherung und Sektorkopplung).

Damit sich neue Technologien entwickeln können, müssen die EU und die nationalen Regierungen beträchtliche Investitionen anziehen, was bedeutet, dass die nächste Herausforderung die Finanzierung ist. Die „Unreife“ bestimmter Technologien kann zu hohen Kosten für „First Mover“ führen, was diese Technologien für neue KundInnen unattraktiv macht und ihre Verbreitung behindert. Darüber hinaus sind mehr Investitionen in die Stromnetze erforderlich, um die Herausforderung der Netzkapazitäten zu lösen, da der Gesamtstrombedarf in den nächsten Jahren voraussichtlich erheblich steigen wird. Gleichzeitig muss auch die weitere Nutzung und Nachrüstung bestehender Gas- und Wärmeinfrastruktur ernsthaft in Betracht gezogen werden. In diesem Zusammenhang, wird auf EU-Ebene die sogenannte Taxonomie-Verordnung zur Festlegung eines Rahmens zur Förderung von nachhaltiger Finanzierung eine wichtige Rolle spielen.

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