Projekt Beschreibung

Benedikt Ennser im Interview über die Perspektiven der Energiegemeinschaften

  • Energiegemeinschaften sollen dazu beitragen BügerInnen aktiv an der Energiewende teilhaben zu lassen.

  • In Österreich muss für die Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften und Bürgerenergiegemeinschaften erst ein attraktives und praxistaugliches Modell im Rechtsrahmen verankert werden.

  • In 20 Jahren wird es selbstverständlich sein, dass viele Haushalte und Unternehmen selbst Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugen und verbrauchen. Daher werden Energiegemeinschaften einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten.

24. März 2020

Energiegemeinschaften können wesentlich zur Energiewende beitragen und werden eine zentrale Rolle im zukünftigen Energiesystem spielen. Bei diesem Konzept geht es in erster Linie um die Erzeugung vor Ort und die Maximierung des Eigenverbrauchs erneuerbarer Energien. Wir haben mit Benedikt Ennser, Leiter der Abteilung Energie – Rechtsangelegenheiten im Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) über die Ziele, Rahmenbedingungen und Chancen des Modells gesprochen.

Welche Vision verfolgt die EU mit der Möglichkeit der Errichtung von Energiegemeinschaften?

Energiegemeinschaften sollen dazu beitragen, Bürgerinnen und Bürger an der Energiewende teilhaben zu lassen, und zwar als aktive Kunden, die nicht bloß Energie verbrauchen, sondern auch selbst erzeugen, speichern und verkaufen. Damit soll die Akzeptanz erneuerbarer Energie gestärkt werden: Das gemeinsame Projekt erzeugt „ownership“, mobilisiert Engagement und private Investitionen – und der erhöhte Eigenversorgungsgrad nützt auch dem Gesamtsystem.

Welche rechtlichen Rahmenbedingungen sind Voraussetzung, um in Österreich Energiegemeinschaften umzusetzen?

Im österreichischen Rechtsrahmen müssen jetzt die beiden im „Clean Energy Package“ der EU vorgesehenen Gemeinschaftsmodelle, nämlich Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften und Bürgerenergiegemeinschaften, gesetzlich verankert werden. Wichtig dabei ist es, nicht nur die EU-Vorgaben zu erfüllen, sondern auch jeweils ein für Österreich passendes, attraktives und praxistaugliches Modell umzusetzen.

Wer kann prinzipiell bei Energiegemeinschaften dabei sein und welche Vorteile ergeben sich für die TeilnehmerInnen?

Teilnehmen können jedenfalls natürliche Personen, aber auch lokale Behörden und kleine Unternehmen, im Falle der Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften auch mittelgroße Unternehmen, dafür ist hier erforderlich, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Nähe des Projekts angesiedelt sind. In jedem Fall entscheidend ist, dass die Teilnahme an einer Energiegemeinschaft offen und freiwillig bleibt. Soweit beim Austausch innerhalb einer Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft das öffentliche Netz in Anspruch genommen wird, soll dafür ein reduziertes Netzentgelt, gewissermaßen ein „Ortstarif“, gewährt werden. Außerdem soll insoweit die Elektrizitätsabgabe entfallen – für Photovoltaik ist dies bereits mit dem Steuerreformpaket 2020 realisiert worden.

Welchen Beitrag können Energiegemeinschaften besonders im Hinblick auf die verankerten Ziele im Bereich der Erneuerbaren Energien leisten?

Für das im aktuellen Regierungsprogramm festgeschriebene Ziel einer zu 100 Prozent auf Erneuerbaren basierenden Stromversorgung sind erhebliche Investitionen in Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen nötig. Energiegemeinschaften können wesentlich zur Erreichung dieses Stromziels beitragen. Sie helfen dabei, Projekte zu realisieren, die die Möglichkeiten eines einzelnen Verbrauchers übersteigen. Sie unterstützen den Ausbau dezentraler Erzeugungsanlagen auf erneuerbarer Basis und schaffen Akzeptanz für den Transformationsprozess hin zu einer dekarbonisierten Stromversorgung. Kann zumindest ein Teil des Strombedarfs durch gemeinsam betriebene Erzeugungsanlagen abgedeckt werden, wird der Vorteil einer solchen Gemeinschaft für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unmittelbar spürbar und messbar. Sie reduzieren den Bedarf an weiträumiger Übertragung zwischen Erzeugungs- und Verbrauchsanlagen. Wenn durch den Verbrauch vor Ort auch das öffentliche Netz entlastet wird, entsteht ein Systemnutzen, der durch ein gesondertes Netznutzungsentgelt abgebildet werden soll.

Wie sehen Sie die Rolle von Energieversorgungsunternehmen beim Thema Energiegemeinschaften?

Die Energiegemeinschaften sind nach dem Grundsatz der Gemeinnützigkeit einzurichten. Energieversorgungsunternehmen können womöglich als Dienstleister für die Gemeinschaft tätig werden und als Abnehmer von Überschussstrom auftreten, der nicht innerhalb der Gemeinschaft verbraucht werden kann. Bei der Messung und Zuordnung der erzeugten Strommengen zu den einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmern kommt den Netzbetreibern eine bedeutende Rolle zu.

Ihr Zukunftsszenario für das Energiesystem 2040: Wie werden sich Energiegemeinschaften weiterentwickeln?

Vieles deutet darauf hin, dass sich Energiegemeinschaften zunehmend als eigenständige Akteure etablieren, die primär auf Selbstversorgung ausgerichtet sind und überschüssigen Strom ins Netz einspeisen. Zusammen mit Speichern und Aggregatoren erweitern sie das Spektrum an Marktteilnehmern und aktivieren Stromkunden, die sich bislang als reine Verbraucher gesehen haben. In 20 Jahren wird es selbstverständlich sein, dass viele Haushalte und Unternehmen selbst Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugen und verbrauchen – und dass sie dies gemeinschaftlich tun, wo immer es für alle Beteiligten vorteilhaft ist.

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